„Die Spielregeln müssen klar sein!“

Im Gespräch mit dem Hundeprofi 

Negative Reize in der Hundeerziehung – sind Abbruchsignal & Co. tierschutzgerecht oder nicht? Die Österreichische Hundezeitung sprach mit dem „Hundeprofi“ über das ewige Streitthema…

Nach Auftaktterminen in Salzburg und Wien kommt Hundetrainer Martin Rütter im Dezember mit seinem neuen Programm „Freispruch“ nach Österreich zurück. Darin gibt er den Anwalt verhaltensproblematischer Vierbeiner. Doch Rütter weiß auch um die emotionalen Debatten unter Trainern.

Martin Rütter mit der Hundezeitung DeniseZöhrer
Martin Rütter im Gespräch über Spielregeln und Grenzen. Foto: © Denise Zöhrer

Welche Inhalte dürfen Ihre Fans von Ihrem neuen Programm „Freispruch“ erwarten?

Martin Rütter: Wenn Hundehalter mit Problemen zu mir kommen, sitzt der Vierbeiner meist auf der Anklagebank. Ich habe oft das Gefühl, mich zu einer Art Anwalt der Hunde entwickelt zu haben – denn ich muss Partei ergreifen und den Besitzern klarmachen, dass wir beim Tier zwar die Symptomatik sehen, die Ursache aber immer beim Menschen liegt. Das thematisiere ich bei meinem Programm „Freispruch“.

Auf der Anklagebank sitzt jeder Hundetrainer bei Kollegen wohl auch ab und zu.

Rütter: Egal, ob ich über Abbruchsignale rede oder über das Thema Ernährung – die Dosis macht das Gift! Die meiste Kritik muss ich mir für die Wasserspritzer in meiner Sendung anhören, dabei erziehen sich Hunde untereinander nicht über positive Verstärkung, das gibt es da gar nicht. Zur Erziehung gehört Beziehung, und in einer Beziehung ist es total wichtig, dass die Spielregeln klar sind.

Wie vermittelt man seinem Vierbeiner die Spielregeln denn möglichst hundgerecht?

Rütter: Schon die Mutterhündin macht mit ihren Welpen ein aversives Training und erzieht sie über ein Abbruchsignal, und das ist nicht nur ein Erschrecken, sondern sogar ein kleiner Schmerz. Es gehört dazu, auch zu sagen: Lass das sein, das ist meines – Ressourcenverteidigung. Das ist völlig normal unter Hunden. Trotzdem finde ich die Diskussion darüber sehr gut, das zeigt Bewusstsein.

Ein Bewusstsein bei den Menschen für die Sensibilität dieser Abbruchsignale?

Rütter: Bleiben wir fair – die Hundemama maßregelt zweimal knackig, danach schaut sie vielleicht noch streng. Der Stresspegel für den Hund ist viel höher, wenn er zehn Jahre lang von uns „Nein!“ hört. Eine klare Spielregel aufzubauen heißt, eine Grenze zu setzen. Ich komme aber oft zu Menschen, denen zwei Finger fehlen würden, wenn sie das versuchen und ihrem Hund übers Maul greifen.

Deswegen kommen dann teilweise Wasser und Co. in Ihrer TV-Sendung zum Einsatz?

Rütter: Dann ist es das Mittel der Wahl, zu sagen, wir sprühen mal mit Wasser oder versuchen, einen anderen aversiven Reiz zu setzen, es geht nicht anders. Das ist aber nie mein erklärtes Ziel. Und immer, bevor ich das tue, sage ich in die Kamera warum, und dass die Wasserspritze kein Spielzeug ist. Das kann für den Hund traumatisch sein und passiert deswegen unter professioneller Anleitung.

Diese Erziehungsmethoden sind aus Ihrer Sicht trotzdem keine Tierquälerei?

Rütter: Man muss die Korrektur an den Hund anpassen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Abbruchsignal an sich schon tierschutzrelevant ist. Das ist es für mich dann, wenn es keine Alternative für den Hund gibt. Wenn ich also mit negativer Verstärkung arbeiten würde, und nur, wenn der Hund etwas richtigmacht, nehme ich den Druck weg – das darf nicht die Idee sein, das ist falsch.

Ausschließlich positive oder negative Reize anzuwenden, lehnen Sie also ab.

Rütter: Es kotzt mich an, wenn Leute nicht bereit sind, ihrem Hund etwas beizubringen, aber ganz schnell mit der Maßregelung kommen. Eine menschliche Geisteshaltung, immer das Negative zu sehen! Ich muss aber darauf achten, dass die Beziehung zu meinem Hund stimmt. Dann habe ich auch das Recht, eine Grenze zu setzen. Es kann nicht funktionieren, wenn ich immer nur nett oder sauer bin.

Wie beurteilen Sie den Trend, seinen Hund bei einem Trainer zum Erziehen abzugeben?

Rütter: Das ist Wahnsinn und wird zum Glück bei uns wieder seltener! Die Menschen verwechseln Dressur mit Erziehung. Denn der Hund weiß nach 20 Minuten, dass er wieder zu Hause ist und macht wieder den Affen. Das funktioniert nie! Der Hund ist sozial orientiert und weiß genau, bei wem er wie weit gehen kann. Also, den eigenen Hund zum Training irgendwo abzugeben, halte ich für eine Katastrophe.