oder: Wenn’s an der Leine zur Sache geht – Teil 2

In der Fortsetzung unserer zweiteiligen Serie gibt die erfahrene Trainerin Kristina Ziemer-Falke wertvolle Tipps, wie es zu Ausrastern am Ende der Leine kommen kann – vor allem aber auch, wie man dem Kampf an der Leine den Kampf ansagt.

Wussten Sie, dass es zudem möglich wäre, dass der Hund bereits durch Stress im Mutterleib für Außenreize sensibilisiert wurde? Der ganze Lebensablauf eines Hundes prägt ihn für das weitere Leben. Deshalb ist es wichtig, auch die frühen Ereignisse eines Hundelebens zu betrachten und verschiedene Situationen zu hinterfragen:

  • Hatte die Mutterhündin während der Trächtigkeit starken und anhaltenden Stress? Das würde sich auf die Welpen im Mutterleib auswirken, die einen erhöhten Kortisolspiegel aufzeigen würden, welcher das Stresszentrum anregt und stärker anwachsen lässt, sodass die Hunde später stärker auf Außenreize reagieren werden.
  • Konnte Ihr Hund während der Welpenzeit gut an die Umwelt gewöhnt und sozialisiert werden? Hat er ausreichende Kontakte zu anderen Hunden und Menschen gehabt, sowie auch zur unbelebten Umwelt? Hier aber Vorsicht walten lassen, denn auch ein Zuviel des Guten stresst den Organismus!
  • Wie verlief die Pubertät? Hier ist es wichtig, zu sehen, ob und welches neue Verhalten der Hund aufgrund der Hormonveränderungen zeigte.
  • Zeigt der Hund das gleiche Verhalten, wenn er nicht an der Leine ist? Wenn nicht, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass sich Ihre Stimmung auf den angeleinten Hund überträgt und er auf diese Weise unbewusst in dem ungewollten Verhalten bestätigt wurde. Aus Sicht des Hundes hat er also das aggressive Verhalten gelernt, auch wenn die Zeichen noch so minimal waren. Achten Sie einmal auf Ihre Hände, – wer ist für die Leinenspannung verantwortlich? Wann halten Sie sich an der Leine fest, und wann greifen Sie in die Leine?
  • Wie ist die Bindung zwischen Ihnen und Ihrem Hund? Können Sie Ihrem Hund Sicherheit vermitteln, und das auch in schwierigen Situationen? Was empfinden Sie, wenn Ihnen fremde Hunde entgegenkommen?
  • Beherrscht Ihr Hund die Kommunikation mit anderen Hunden und Menschen?

Dies sind nur einige wenige Beispiele, die zu einer guten Anamnese eines Hundetrainers gehören. Es sollten noch weitere Zusammenhänge geklärt und betrachtet werden. Die genannten Auszüge dienen Ihrer Orientierung, was es für mögliche Gründe geben könnte.

Es muss nicht immer zur Leinenaggression kommen - wenn Frauchen und Herrchen manche Anzeichen früher erkennen würden. Foto: alexei_tm - Fotolia.com
Es muss nicht immer zur Leinenaggression kommen – wenn Frauchen und Herrchen manche Anzeichen früher erkennen würden. Foto: alexei_tm – Fotolia.com

Drauf schauen!

Um die Ursache eines Problemverhaltens des eigenen Hundes zu erforschen, ist es wichtig, seinen Hund zu beobachten, um einschätzen zu können, was der Hintergrund seines Verhaltens ist. Für den Hundehalter ist das meist gar nicht so leicht, ist er selber doch eher ein sehr subjektiver Beobachter, dem das objektive Beurteilen der Situation recht schwerfallen könnte. Zudem kommt erschwerend hinzu, dass sich der Hundehalter meist – im wahrsten Sinne des Wortes – am anderen Ende der Leine befindet, nämlich hinter dem Hund. Eine Beschreibung des Ausdrucksverhaltens ist daher schwer möglich. Hilfreich sind für Sie in einer solchen Situation die folgenden Punkte:

  • Filmen Sie die Situationen. Bitten Sie erneut jemanden, der Sie im Umgang mit Ihrem Hund filmt. Es wäre durchaus hilfreich, auch entspannte Sequenzen zu filmen, um einen guten Gesamteindruck zu gewinnen. Wie verhalten Sie sich, wenn es keine Ablenkung gibt? Geben Sie Ihrem Hund Zeichen und reagiert dieser darauf? Was passiert, wenn Ihnen jemand entgegenkommt? Wie lange benötigt Ihr Hund, bis er wieder völlig entspannt ist, und wie lange brauchen Sie?
  • Schauen Sie sich die Aufnahmen alleine, aber auch mit einem guten Hundetrainer an, da dieser Sie objektiv betrachten wird. Außerdem wird er Ihnen Rückmeldung über folgende Punkte geben:
  1. Umgang mit Ihrem Hund
  2. Timing
  3. Wesen Ihres Hundes
  4. Intensität Ihrer Signale
  5. Konsequenz
  6. Führungsqualität
  7. Gefühl

etc.

Daraufhin wird er Ihnen Hilfestellung geben können, warum Ihr Hund an der Leine pöbelt, und wie das richtige Training nun aufgebaut werden kann. Dabei werden nicht nur die Momentaufnahmen eines Spaziergangs miteinbezogen, sondern Ihr Hundetrainer wird individuell auf den Hund und dessen gemachte Erfahrungen im Leben eingehen.

 

Stressanzeichen richtig deuten und entsprechend reagieren

Manchmal ist es nicht so leicht zu erkennen, ob der Hund Stressanzeichen zeigt oder nicht. Hunde haben grundsätzlich vier Möglichkeiten, auf Stress zu reagieren.

  1. Angriff
  2. Übersprungshandlung
  3. Erstarren
  4. Flucht

Bis auf „Angriff“ lassen sich die übrigen Reaktionsmöglichkeiten manchmal fehlinterpretieren. Beispielsweise nimmt der eigene Hund einen anderen Hund in einiger Entfernung wahr, bleibt stehen und kratzt sich. Das wirkt im ersten Moment desinteressiert, oder so, als hätte der Hund einen anderen Fokus, ist aber oft nichts Anderes, als eine Übersprungshandlung. Der Halter erkennt dieses Verhalten nicht als Stressreaktion und wird erschrocken sein, wenn die anschließende Hundebegegnung nicht friedlich abläuft, sondern mit einem Angriff seitens des eigenen Hundes. Für den Hund ist dies jedoch nur logisch. Die Übersprungshandlung wurde durch den Hundehalter nicht erkannt.

Der eigene Hund bemerkte, dass das Verhalten „Übersprungshandlung“ seinen Stress nicht reduzierte – der Halter erkannte die Situation nicht –  der andere Hund näherte sich weiterhin, sodass er seine Strategie wechseln musste, und zu „Angriff“ überging.
Hunde versuchen sich also an Strategien, um mit Stresssituationen umgehen zu können. Funktioniert die eine nicht, probieren sie ihren Stresspegel mit einer anderen Methode zu senken. Das ist ein ganz gesundes Phänomen, weswegen Aggressionen auch nicht als „schlecht“ zu werten sind, sondern als lebensnotwendig – zum Einen um Distanzen aufzubauen, zum anderen um den Stresspegel zu reduzieren. 

Kristina Ziemer-Falke mit ihrer Bernhardiner-Hündin "Frau Meier". Haben Sie Fragen an die Trainerin? Einfach an info@ziemer-falke.de schicken. Foto: Ziemer & Falke GbrR
Kristina Ziemer-Falke mit ihrer Bernhardiner-Hündin “Frau Meier”. Haben Sie Fragen an die Trainerin? Einfach an [email protected]ke.de schicken. Foto: Ziemer & Falke GbrR

Sie merken, die Leinenaggression ist ein umfassendes Thema, bei dem es gilt, alle Umstände zu beleuchten und in die Analyse der Ursache miteinzubeziehen. Mit der Zeit werden Sie lernen, Ihren Hund immer besser „lesen“ zu können und auch seine kleinsten Signale verstehen und entsprechend reagieren zu können. Merken Sie, dass Ihnen das Schwierigkeiten bereitet, holen Sie sich neutrale Hilfe von einem guten Hundetrainer, der Sie auf dem Weg begleitet und unterstützt. Haben Sie Geduld bei der Umsetzung des Trainingsplans und seien Sie bei Rückschritten nicht enttäuscht – die Leinenaggression wird nicht von einem Tag auf den nächsten verschwunden sein, sondern sie ist ein langer Weg. Das Gute ist, dass Sie diesen Weg zusammen mit Ihrem Hund gehen können. Es wird sich auf Dauer nicht nur das Aggressionsverhalten reduzieren, sondern auch die Beziehung und Bindung zu Ihrem Hund positiv verändern. Sie werden beide voneinander lernen und verstehen.