Die Kastration wird oft als Allheilmittel für Verhaltensprobleme gehypt. Der Rüde mag keine Rüden, reitet auf, folgt nicht? Kastrieren! Die Hündin ist während der Läufigkeit so anders, wird scheinträchtig und forsch anderen Hündinnen gegenüber? Kastrieren!

Im Tierschutz werden Hunde und auch Katzen meist nur kastriert an neue Besitzer vermittelt. Das hat den Zweck, unerwünschte Fortpflanzung zu vermeiden. So weit, so sinnvoll. Aber mittlerweile weiß man, dass Kastration zwar einige Probleme lösen, aber auch neue entstehen lassen kann.

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Hängen lassen oder nicht? Kastration ist in Mode gekommen und im Tierschutz Pflicht. Willie Cole/Fotolia.com

Die Vorteile, ein Tier mit eingeschränktem oder lahmgelegtem Sexualtrieb zu besitzen, werden vielfach angepriesen: Hündinnen bleiben Läufigkeit, etwaige Scheinträchtigkeit, die etwa zwei Monate nach der Läufigkeit einsetzt und in eine gefürchtete Gebärmutterentzündung münden kann, eine mögliche Depression und Stress erspart – und vor allem ihren Besitzern! Bei Rüden werden ruhigeres Verhalten, bessere  Ansprechbarkeit draußen und weniger machohaftes Verhalten propagiert. Aber so einfach ist es nicht!

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Bei der Kastration vollzieht das Skalpell, was Fluch oder Segen bedeuten kann. Bei jedem Hund Vor- und Nachteile individuell zu prüfen, ist nötig! Foto: euthymia-Fotolia.com.psd

Bei der Problemlösung, die sich Hundebesitzer erhoffen, handelt es sich vielfach um Verhaltens-, weniger um hormonelle Probleme. Auch kastrierte Hunde äußern Antipathie, zeigen Schwachstellen in der Erziehung auf, zeigen geschlechtstypisches Verhalten und legen ihre Marotten nicht automatisch nach einer Kastration ab. Schlimmer noch: Sie können ängstlicheres Verhalten entwickeln, weil ihnen das mutiger machende körpereigene Hormon fehlt, das sie fürs Leben wappnet. Statt pauschal zu kastrieren, ist ein versierter Blick auf das individuelle Wesen des Hundes sinnvoll – speziell im Hinblick auf Unsicherheit, soziale Kompetenzen und verhaltensbeeinflussende Faktoren.

Sinn und Zweck überdenken

In Ländern mit Straßenhundeproblematik ist Kastration das Mittel erster Wahl gegen Tierleid – und das ist gut so! In der westlichen Welt ist abseits der Vorurteile, die sich um dieses Thema ranken, jeder Hundemensch selbst dazu aufgerufen, über Zweck und Sinnhaftigkeit der Sexualhormone im Körper nachzuforschen. 

Foto: KPGS - THINKSTOCK

Empfohlene Lektüre dazu:

Kastration und Verhalten beim Hund von Udo Gansloßer und Sophie Strodtbeck.

Kerstin Biernat-Scherf

Interview mit Verhaltensbiologe Udo Gansloßer zum Thema Kastration und Verhalten.