Hund im Schnee
Wer rastet, der rostet. Das gilt für Zwei- und Vierbeiner – und auch an kalten Tagen. Foto: © pixabay

Sturm, Schnee, klirrende Kälte. Keine Frage: In Sachen Gemütlichkeit ist die Couch da eindeutiger Sieger. Ob es die auch mal für unsere Hunde sein darf oder der regelmäßige Auslauf auch an kalten Tagen nicht ausbleiben sollte, darüber sprachen wir mit der tierschutzqualifizierten Hundetrainerin und Verhaltensberaterin Sabine Neumann.

Kann man ganz allgemein sagen, wie viel Bewegung ein Hund braucht?

Sabine Neumann: Bewegung ist ein Grundbedürfnis des Lauftieres Hund. Wieviel es genau für den jeweiligen Hund sein soll, das variiert von Rasse zu Rasse. Ein lauffreudiger Jagdhund etwa wird deutlich mehr körperliche Bewegung brauchen als ein durchschnittlicher Mops. Hier generelle Regeln aufzustellen ist schwierig, aber so etwa ein bis zwei Stunden pro Tag qualitätsvolle Bewegung sollte es mindestens sein. Und natürlich ist der Bewegungsbedarf auch altersabhängig. Bei Welpen ist es wichtig darauf zu achten, dass sie nicht überfordert werden. Hier gilt die Faustregel, die Spaziergänge nicht länger in Minuten zu halten als der Welpe in Wochen alt ist. Ein vier Monate alter Welpe sollte also nur einen Viertelstündlichen Spaziergang absolvieren. Beim alten Hund wiederum ist es wichtig durch regelmäßig ruhige Bewegung den Bewegungsapparat, die Muskulatur, den gesamten Körper in Form zu halten. “Wer rastet der rostet” gilt auch für Hunde. Und ein Körper der sich nicht mehr bewegt verliert irgendwann auch die Freude daran, weil er zunehmend abbaut.

Wenn wir von ausreichend Bewegung sprechen, so ist darunter zu verstehen, dass Hunde auch mal so richtig losrennen und sich nach Herzenslust austoben dürfen – gerne auch mit Hundefreunden. Regelmäßiges Loslaufen ohne Leine ist wichtig für das Wohlbefinden, die körperliche und seelische Gesundheit. Natürlich bedeutet das im Umkehrschluss nicht, dass der Hund immer und überall frei laufen muss. Freilauf kann erforderlichenfalls auch im sicher eingezäunten Gelände stattfinden. Wenn Spaziergänge derzeit immer angeleint stattfinden müssen, so hat der Hund durch das Führen an einem gut sitzenden Brustgeschirr und einer ausreichend langen Schleppleine (3-10 m Länge)  die Möglichkeit sich im Leinenradius ausreichend zu bewegen und die Umgebung zu erkunden.

Weil das gerade jetzt im Winter, wenn es draußen kalt und nass ist, Thema ist: Ist es möglich, durch Nasenarbeit und andere sinnvolle Beschäftigungen körperliche Bewegung zum Teil zu ersetzen?

Neumann: Bei sinnvoller Bewegung geht es um die richtige Mischung aus losrennen und einfach “Gas geben” sowie qualitätsvoller Bewegung wie z.B. gezielte konzentrierte Gerätearbeit ohne Tempojagd. Dadurch lernt der Hund sich konzentriert zu bewegen, schult damit Körpergefühl und Koordination. Ebenso wie bei jeglicher Form von Nasenarbeit leistet der Hund hierbei körperliche und geistige Arbeit. Diese Form der Beschäftigung lastet so richtig aus und macht wohlig müde ohne aufzuputschen. An kalten, unwirtlichen Herbst- und Wintertagen ist das eine gute Möglichkeit um den Hund auch mit weniger langen Spaziergängen vernünftig zu fordern. Gerade sehr sportliche, lauffreudige Hunde sind durch Rennen allein oftmals nicht müde zu bekommen, hier ist also zusätzlich Köpfchen gefragt.

Wie wichtig sind Ruhephasen und wieviel braucht der Hund?

Neumann: Bei sinnvoller Auslastung geht es immer um den Wechsel von Anregung und Ruhe. Hunde brauchen Zeit, um sich nach körperlicher und geistiger Anstrengung zu erholen, das Erlebte zu verarbeiten. Nur dadurch werden sie zu ruhigen, gelassenen Begleitern. Der Hund selbst ist dafür der beste Indikator. Wenn er sich nach einem interessanten Spaziergang zu Hause gemütlich auf seinem Kuschelplatz oder Sofa zusammenrollt und schläft, so ist das ein Zeichen für die richtige Dosierung. Nach großen Anstrengungen wie beispielsweise längeren Wanderungen müssen immer mindestens ein bis zwei Ruhetage mit kurzen regenerativen Spaziergängen eingeplant werden. Und bedenken Sie bitte, dass ihr Hund genau wie Sie für sportliche Vorhaben erst die nötige Kondition aufbauen muss. Insgesamt haben Hunde ein deutlich höheres Ruhebedürfnis als wir Menschen. Sie verbringen zirka zwei Drittel des Tages mit Ruhephasen.

Was können mögliche Folgen von zu wenig Bewegung sein?

Neumann: Zu wenig Bewegung in Kombination mit mangelnder geistiger Auslastung kann dazu führen, dass Hunde sich andere Ventile suchen um sich zu beschäftigen. Manche Hunde beginnen dann die Wohnungseinrichtung zu zerstören oder  bellen übermäßig, oftmals aus Langeweile und Unterforderung. Im schlimmsten Falle entwickeln sie selbstzerstörerische Verhaltensweisen oder kippen in stereotype Verhaltensmuster. Viele lauffreudige Hunde werden seelisch krank, wenn man ihnen die Möglichkeit zum Laufen nimmt und das einzige, das sie an “Bewegung” bekommen ein Spaziergang an der kurzen Leine ist, bei dem sie noch brav “bei fuß” gehen sollen. Bewegungsmangel kann überdies zu Übergewicht, Schäden am Bewegungsapparat und zunehmender Bewegungsunfreude führen.

Sollte es zeitlich mal knapp sein: muss ich als Hundebesitzer sofort ein schlechtes Gewissen haben, wenn der Hund ein oder zwei Tage mal nur zum 10-minütigen Gassigehen außer Haus kommt?

Neumann: Ein Hund, der ausreichend Bewegung und Auslastung hat, kommt in der Regel ganz gut damit klar, wenn es in Ausnahmefällen ab und an mal nur kurze Spaziergänge “um den Block” gibt. Das muss aber die Ausnahme bleiben und darf nicht zur Gewohnheit bleiben. Den “inneren Schweinehund” zu überwinden, auch bei Schlechtwetter rauszugehen und sich gerade an hektischen, stressigen Tagen die Zeit zu nehmen, einen ruhigen Spaziergang draußen mit dem Hund zu unternehmen, tut doch auch uns Menschen gut, oder :-)?