So umstritten das Thema Kastration beim Hund ist – wohlüberlegt sollte ein solcher Eingriff in jedem Fall sein. Der bekannte Verhaltensbiologe Udo Gansloßer erklärt, wie eine Kastration das Verhalten eines Hundes beeinflussen kann.

Operation
Immer noch sehen viele Hundebesitzer in der Kastration ein Allheilmittel bei Verhaltensproblemen. Foto: iStock

Wirkt sich eine Kastration im Allgemeinen eher positiv oder negativ auf das Verhalten des Hundes – sowohl bei Hündinnen als auch bei Rüden – aus?

Das kann man nicht allgemein sagen. Hauptproblem ist, dass viel zu viele Verhaltensweisen mit den Sexualhormonen in Verbindung gebracht werden. Zum Beispiel die sogenannte Affekt- oder Impulsaggression, die von Laien und solchen, die nicht zugeben es zu sein, immer noch mit dem veralteten Begriff Dominanzaggression bezeichnet wird.

Wenn Ihr Auto morgens nicht anspringt und Ihr Nachbar empfiehlt Ihnen, die Zündkerzen mit einer Zahnbürste zu beschrabbseln, werden Sie doch auch nicht ablehnen das zu tun, weil Sie gerade erst Batteriesäure nachgefüllt haben. So ist das auch mit der Kastration: wenn ich etwas, das mit den Sexualhormonen gar nichts zu tun hat, durch Kastration beseitigen will, geht der Schuss meist nach hinten los. Wenn nach sauberer und kompetenter Einzelfallanalyse feststeht, dass DIESER Hund, egal welches Geschlecht, ein echtes Problem mit den Sexualhormonen hat, kann die Kastration auch helfen. Aber Erziehung mit dem Skalpell funktioniert nicht, und wenn ich die falsche Baustelle bearbeite, kann das Problem auch schlimmer werden, zum Beispiel, wenn Unsicherheit oder Angstaggression mit sogenannter Dominanz verwechselt wird (was leider oft passiert!!!).

Unter welchen Umständen oder bei welchen Verhaltensauffälligkeiten würden Sie eine Kastration empfehlen, wann davon abraten?

Das ist schwer in Kürze zu sagen. Zuraten würde ich gegebenenfalls bei Rüden, die wirklich unter ECHTER Hypersexualisierug leiden, und Hündinnen, die im Zuge des Zyklus mehr als nur die üblichen Stimmungsschwankungen haben. Abraten generell bei angstgesteuerten und unsicheren Rüden und bei sogenannten Rüdinnen. Und natürlich gibt es medizinische Gründe bei bestimmten Erkrankungen, die dafür sprechen.

Ist ein Hund unverträglich, kann eine Kastration bei der Sozialisation helfen, indem Sie zum Beispiel einen „streitsüchtigen“ Rüden oder Hündin „ruhiger“ macht?

Nein, meist nicht, es sei denn es geht ganz konkret um sexuelle Konkurrenz. Hündinnen, die nur rund um Läufigkeit sehr aggressiv werden, können so ein Fall sein.

Wenn ich einen Hund habe, der „gern“ mal davon läuft, kann dann eine Kastration Abhilfe schaffen?

Nur wenn er konkret läufige Hündinnen sucht, nicht wenn er das Revier patrouilliert oder Nachbars Komposthaufen durchwühlt.

Inwiefern kann eine Kastration das Markierverhalten des Hundes beeinflussen? Wenn etwa ein Rüde während des täglichen Spazierganges unentwegt markiert, hört das nach der Kastration auf?

Nur wenn er Urin sexuell intakter Hündinnen oder gar läufiger Hündinnen ÜBERmarkiert. Wer leicht daneben spritzt hat nicht zu wenig Zielwasser getrunken, sondern will danebenmarkieren.

Wie kann sich eine Kastration auf den Gefühlszustand des Hundes auswirken?

Kann eben zu verstärkter Angst, Stressanfälligkeit und, soweit man den Begriff verwenden mag, reduziertem Selbstbewusstsein führen. Sexualhormone haben bewiesenermaßen angstlösende Rezeptoren im Gehirn fern der Sexualität.

Sollte eine Kastration medizinisch nötig sein, mit welchem Alter der Hündin oder des Rüden wäre der Eingriff ratsam?

Bei Hündinnen am besten nicht vor dem vollständigen Durchlaufen des 3. Zyklus, bei Rüden sicher nicht vor diesem Alter.