Gerade noch spaziert er gemütlich vor uns her – und plötzlich ist er weg. Der Nachbarskatze hinterher. Oder dem Feldhasen. Pfeifen und Schreien zwecklos? Für ein Anti-Jagd-Training ist es nie zu spät. Wie wir es schaffen können, das Jagdverhalten unserer vierbeinigen Lieblinge kontrollieren zu können, darüber haben wir mit Verhaltensbiologin und –beraterin Ariane Ullrich gesprochen.

Anti-Jagd-Training
Ariane Ullrich ist Verhaltensbiologin und Vorsitzende des Ausbildungsrates des Berufsverbandes der Hundeerzieher/in und Verhaltensberater/in BHV e.V. Foto: © Ullrich

Frau Ullrich, wann ist ein Anti-Jagd-Training erforderlich?

Ein Training, das das Beutefangverhalten von Hunden kontrolliert, benötigt eigentlich jeder Hund, denn jeder Hund ist ein Beutegreifer und kann Verhaltensweisen aus diesem Bereich zeigen, die im Alltag problematisch sind. Wie intensiv das Training sein muss, also ob man gezielt unter höchsten Ablenkungen und rund um die Uhr mehrere Monate oder ein ganzes Leben trainiert, hängt davon ab, welches Verhalten der Hund zeigt und inwieweit es für den Menschen problematisch ist.

Wann sollte mit einem Anti-Jagd-Training begonnen werden?

Bei Hunderassen, die zu den Jagdgebrauchshunden gehören, sollte so früh wie möglich damit begonnen werden, da absehbar ist, dass sie eventuell unerwünschtes Jagdverhalten zeigen werden. Bei allen anderen Hunden kann es genauso auftreten, und erste Grundlagen im Training betreffen natürlich auch hier die Kontrollierbarkeit bei Reizen.

Wie wird so ein Training aufgebaut?

Das Training ist im Grunde genommen gar kein Anti-Jagd-Training. Man kann einem Hund, der jagt, das Jagen nicht abtrainieren. Es macht den Hund, die Gattung aus. Aber man kann trainieren, dass der Hund kontrollierbar ist. Hierzu gehört zuallererst eine sinnvolle Beschäftigung, die die Bedürfnisse des individuellen Hundes bedient. Ist der Hund ausgelastet und hat Freude an der Arbeit, muss er sich keine eigene suchen, die den Menschen oftmals ausschließt. Dann gehört zu diesem Jagdkontrolltraining, dass der Hund lernt, sich an seinem Besitzer zu orientieren, sich nicht zu weit zu entfernen und darauf zu achten, was der Besitzer tut und möchte. (Nicht nur) jagende Hunde müssen lernen, zu lernen und nachzudenken. Sie müssen ihren Körper kontrollieren lernen und sich zurückhalten können. Sie sollen lernen, bei starken Ablenkungen abrufbar oder stoppbar zu sein oder (je nach individueller Möglichkeit), Reize gezielt dem Besitzer zu zeigen, der dann entscheidet, was getan wird.

Grundlage ist, dass Hund und Besitzer zusammen arbeiten und nicht gegeneinander. Wenn der Hund lernt, dass sein Besitzer versteht, was Hund will und ihm das auch (unter vorher trainierten Regeln) erlaubt, lassen sie sich meist sehr gut am Wild kontrollieren zugunsten einer gemeinsamen “Jagd”. Das gemeinsame Anschleichen, Herumschnüffeln, Buddeln dürfen auf Signal ist für unsere sozialen Hunde in der Regel höherwertiger als einsames Jagen. Erst, wenn das passt, wird auch das Training am Hase, Reh oder Kaninchen funktionieren. Also das, was man typischerweise als Antijagdtraining versteht: das Abrufen, wenn der Hund Also das, was man typischerweise als Anti-Jagd-Training versteht: das Abrufen, wenn der Hund schon hetzt. Hunde lernen also: Tu ich das, was mein Besitzer möchte, habe ich die Chance, mit ihm zusammen das zu tun, was ich möchte (nach den Regeln des Besitzers).

Ist ein erfolgreiches Training möglich, auch wenn der Hund schon Jagderfolge hinter sich hat?

Jagderfolg hat der Hund dann, wenn er einer Spur nachgeht, oder es geschafft hat, loszusausen, auch ohne das Wild zu erwischen. Jagderfolg haben also fast alle Hunde schon gehabt und dieser Erfolg ist selbstbelohnend, denn es werden Glücksgefühle ausgeschüttet. Je öfter der Hund diese Glücksgefühle schon hatte, desto schwieriger ist es natürlich, ihn davon zu überzeugen, dass zusammen “jagen” auch toll ist. Aber hierfür gibt es einerseits die Arbeit an der Schleppleine, die verhindert, dass der Hund tatsächlich in einen Jagdrausch gerät und andererseits haben wir eben den Vorteil, dass unsere Hunde sehr eng an den Menschen gebunden sind und das Angebot der Zusammenarbeit sehr gut annehmen. Wie weit man mit jedem einzelnen Hund kommt, hängt also auch von diesem, aber von noch viel mehr Faktoren ab.

Wie sieht es da bei bereits sehr passionierten Jägern aus?

Der Grund, warum Hunde jagen, ist ja nicht nur, dass sie einer Jagdgebrauchshunderasse angehören. Es gibt einige passionierte Jäger, die sich das aus Langeweile antrainiert haben, die so aus stressigen Situationen flüchten oder die “das Hobby zum Beruf” gemacht haben. Und ja, auch bei diesen kann man sehr gute Erfolge erzielen. Eine Garantie gibt es nie, aber ich habe bisher keinen Hund erlebt, bei dem nicht große Trainingsfortschritte erzielt wurden. Es hängt von zu vielen Umständen ab, wohin man kommt. Vom Können des Trainers, den Erfahrungen des Hundes, der Möglichkeiten des Trainings, der Umgebung und und und.

Kann man den Hund so weit bringen, dass er keinem Tier mehr hinterher hetzt?

Auch hier kommt es auf den Hund an und sein individuelles Leben, aber ja, es gibt Hunde, die Tieren nicht (mehr) hinterherhetzen. Sie haben beispielsweise gelernt, diese anzuzeigen. Je mehr eigene Erfahrungen der Hund vorher gemacht hat, desto mehr muss man jedoch ein Leben lang wachsam sein und trainieren. Es gibt aber immer wieder auch Ausnahmen von Hunden, die extrem gejagt haben und dann gar kein Interesse mehr hatten. Das ist oft dann der Fall, wenn die Ursache für das Jagen zum großen Teil Langeweile oder Stress war.

Kann man in etwa sagen, wie lange ein solches Training dauert?

Nein, das kann man leider nicht. Es hängt zu sehr von den Möglichkeiten und Umständen jedes einzelnen Teams ab. Manchmal muss man nur ein paar Kleinigkeiten im Umgang ändern. Manchmal wird der Hund ein Leben lang an der Schleppleine laufen, weil er sonst ein Sicherheitsrisiko ist. In der Regel sieht man aber nach wenigen Wochen erste Erfolge.